warum knastkritik?

„Es geht darum, für eine Gesellschaft einzustehen, die sich die Frage nach der Institution Knast nicht stellen wird.“

Selbstverständlichkeiten und Einsprüche.
zu Entstehungsgeschichte und Rechtfertigung des Gefängnisses.

von albert destinazero.

Die Institution Knast ist zu einem gesellschaftlichen Paradigma1 geworden, dessen Selbstverständlichkeit unangreifbar erscheint. Vergessen bleibt dabei oft, dass es sich um ein durchaus modernes Phänomen handelt, das alles andere als selbstverständlich, sondern Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse ist und diese reproduziert. Daher ist unsere Auseinandersetzung mit dem Thema Knast eingebunden in die Formulierung einer Utopie von Herrschaftsfreiheit und steht nicht im luftleeren Raum.

(Nicht nur) innerhalb der radikalen Linken in der BRD hat sich die Auseinandersetzung mit dem Thema Knast in den letzten 30 Jahren stark gewandelt. War eine grundlegende Kritik an Knast als Institution in den 1970ern noch häufig Bestandteil radikaler Kritik, wurde sich seitdem immer weiter in eine Rückzugsposition begeben. Aus der Forderung nach einer Gesellschaft ohne Knäste bzw. der Diskussion um Ursachen von „Kriminalität“ wurde die Forderung nach der Freiheit der politischen und sozialen Gefangenen, die der „eigenen“ Gefangenen und schließlich (wie z.B. in einigen größeren Post-Gipfel-Verfahren) die „unschuldiger“ Gefangener. Damit wurde Stück für Stück von der Analyse gesellschaftlicher Konflikte Abschied genommen. Knastkritik sieht sich heute häufig mit einer Argumentationsweise konfrontiert, die sich von einer bürgerlichen kaum unterscheidet.

Im Folgenden wollen wir in knapper Form aufzeigen, wo das moderne Knastsystem seine Wurzeln hat und warum es wie entstanden ist. Diese Annahmen sind eine Grundlage unserer Diskussion über Knast.

Die Notwendigkeit einer historischen Betrachtungsweise.

Die Entstehungsgeschichte der Institution Knast nachzuvollziehen, heißt, die historischen Prozesse und die Verfasstheit der Gesellschaft zu jener Zeit in den Blick zu nehmen. Der Knast ist eine durchaus moderne Erscheinung, die Entwicklung bis zur heutigen Institution hat sich seit dem 17. Jahrhundert im europäischen Raum in zwei Phasen vollzogen, deren Übergänge fließend sind. Wir halten sie für zentral für die Entstehung des modernen Strafvollzuges. Auch weit vor dem 17. Jahrhundert hat es Formen des Freiheitsentzugs wie die Klosterhaft gegeben. Der Umfang der nun vollzogenen Maßnahmen und die Art des Einsperrens ist jedoch als Grundlage der Entstehungsgeschichte moderner Verwahrungsinsitutionen zu sehen.

erste Phase: das 17. Jahrhundert. Umbrüche und „Antworten“.

Im Laufe des 17. Jahrhunderts entstanden im europäischen Raum erstmals große Verwahrungsinstitutionen. Zentrale Form des Strafens bis dahin waren Leibesstrafen (u.a. „Marter“2), also auf den Körper direkt zugreifende Maßnahmen.3 Diese wurden mit der Einführung der Verwahrungsinstitutionen zunächst nicht abgeschafft, das Einsperren wurde zu einer der möglichen Formen des Strafens.
Michel Foucault nennt diesen Prozess „die große Einsperrung“ und spricht von einer europäischen Dimension desselben.
In Frankreich wurden die geschaffenen Institutionen „Hospitäler“ genannt, in den Niederlanden und Deutschland „Zuchthäuser“. Eingesperrt wurden vor allem „Landstreicher, Bettler, Arbeitslose und Diebe“4. Hiermit sind große Gruppen ungebundener, umherstreifender Menschen gemeint, die sich durch den Zusammenbruch des Feudalsystems im 16./17. Jahrhundert gebildet hatten. Durch das Einsperren war es einerseits möglich, sich der Präsenz dieser unerwünschten Personen zu entledigen, wie auch das Eigentum gegen ihre Angriffe / Aktionen zu sichern. Zudem ermöglichten die Verwahrungsinstiutionen eine Zuführung der Insass_innen zu Zwangsarbeit. Die Idee, der Bettel- und Armen-“Problematik“ nicht mehr wie vorher entweder mit karitativen Maßnahmen oder durch drakonische Strafandrohungen zu begegnen, sondern nunmehr auch durch das Prinzip der Zwangsarbeit, hängt auch mit einer Neubewertung der Arbeit im 16. Jahrhundert durch Humanismus und Reformation zusammen. Vorherrschend wurde die Ansicht, jede_r müsse sich bemühen, sein Leben durch Arbeit selbst zu meistern und Müßiggang zu vermeiden.5 Die Arbeit in den Zuchthäusern gestaltete sich in den verschiedenen Orten unterschiedlich. Aufgaben waren beispielsweise die Herstellung diverser Gebrauchsgüter, das Spinnen von Garn, das „Wollekratzen“, Weben, Strickarbeiten oder das Raspeln von Farbholz.

Es handelte sich in dieser Zeit also in erster Linie um ein Ordnungsproblem, das es von herrschender Seite zu lösen galt. An Stelle des bewusst in der Öffentlichkeit stattfindenden „peinlichen Strafens“6 verschwandt das Strafen mehr und mehr hinter die Mauern der Verwahrungsinstitutionen. Es änderte sich also auch die Art und Weise, durch die abgeschreckt wurde. Bisher hatte vor allem durch die unmittelbare Erfahrung einer Grausamkeit (und in Folge dessen das Reden darüber) eine vor bestimmten Handlungen abschreckende Wirkung mit sich gezogen. Mit der sinkenden unmittelbaren Wahrnehmung dieser Maßnahmen gewannen andere Formen der Diskursivierung an Bedeutung. Es bedurfte eines allgegenwärtigen Wissens über mögliche Sanktionen. Eine Möglichkeit zur Erzeugung dieses Wissens bestand darin, Verwahrungsinstiutionen in den Städten zu bauen und dafür sogar eine erhöhte Fluchtgefahr in Kauf zu nehmen. Heutzutage formiert sich Wissen wesentlich subtiler und ist weniger an die physischen Orte des Strafens gebunden. Beispielsweise Massenmedien und das Aufbauschen spektakulärer „Fälle“ sind es, die dazu beitragen, ein Bewusstsein über Strafe zu erzeugen.

zweite Phase: 1750-1825. modernes Strafen.

Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bildeten sich in einem Zeitraum von nur 75 Jahren Gefängnisse für Straftäter_innen, die in ihrem Prinzip mit den heutigen vergleichbar sind. Die beschriebenen Zuchthäuser befanden sich zunehmend in einem Zerfallsprozess. Als psychisch krank geltende wurden zunehmend in Heil- und Pflegeanstalten untergebracht. Es fand also auch eine Ausdifferenzierung der Zuordnung der Insass_innen in verschiedene Anstalten statt.
Ab diesem Zeitraum war das Einsperren nicht mehr nur eine ergänzende unter vielen, sondern wurde zu der zentral angewandten Strafform. Die Leibesstrafen wurden weitestgehend abgeschafft. Diese Entwicklung ist unmittelbar verknüpft mit der Herausbildung kapitalistischer Produktionsweise und industrieller Massen(fließband)produktion.
Leibesstrafen mussten von nun an unangemessen und irrsinning erscheinen, da niemand ein Interesse an der Verstümmelung von Arbeiter_innen, die technisch feine Fließbandarbeit verrichten sollten, hatte.
Das nun entwickelte Gefängnissystem produzierte eine Form der Disziplin, die der für die Fließbandarbeit notwendigen glich: Im Gefängnis gab es eine peinlich genaue Ordnung, ein ebenso genaues Regelwerk und einen strikten Tagesrythmus. Im Knast konnte getestet werden, ob der Mensch entsprechend den modernen Erfordernissen funktionierte. In dieser Phase ging es also unter anderem darum, der Unangepasstheit unter den Arbeiter_innen nachzukommen, sie zu normieren und somit funktionsfähig zu machen.

Bedeutend für das neue Prinzip des Strafens (in Abgrenzung zur Marter) ist die Entstehung von Nationalstaaten und einer bürgerlichen Rechtsauffassung. Erst wenn der Mensch die von der bürgerlichen Gesellschaft versprochene Freiheit zugeschrieben bekommt, kann ihm diese auch entzogen werden. Entsprechend der hohen Bedeutung, die der Freiheit zugemessen wird, wird der Freiheitsentzug zur angemessenen Bestrafung des bürgerlichen Rechtssubjekts. Mit dem Übergang zur Strafjustiz und einheitlicher Rechtsprechung wird die bislang vollzogene Rache des Souveräns7 in das Strafen der gesellschaftlichen Institutionen gewandelt. Die Züchtigung funktioniert ohne Marter. Die Strafinstitutionen sollen erstmals auch bessernd und ändernd auf das Individuum wirken, die Strafe erhält also einen über sie hinaus reichenden Zweck. Der Körper verschwindet als Subjekt der Strafe: Bestraft wird laut Foucault nun die „Seele“. Es handelt sich also um eine neue Ökonomie des Strafens. Ihr Maß wird die „Menschlichkeit“8. Dies heißt nicht, dass der Körper nicht nach wie vor in Mitleidenschaft gezogen würde. Das Gefängnis wird mitnichten zu einem Raum frei von physischer Gewalt, diese ist ihm immanent, liegt seiner Logik zu Grunde. Viele Formen der modernen Gefängnisstrafe (z.B. Isolationshaft) bedeuten einen schweren Eingriff in die körperliche Unversehrtheit, dies ist jedoch nicht vorrangiges Ziel des Strafens.
Der / die Kriminelle macht sich in der Logik moderner Rechtsauffassung durch seine Tat zum Feind der gesamten Gesellschaft und „Verräter des Vaterlandes“. Das Unrecht, das dem „Gesellschaftskörper“ zugefügt wird besteht in Unordnung, in einer Vertragsverletzung. Dies schließt die Möglichkeit einer Wiederholung der Tat mit ein. Was überhaupt ein Gesetzesbruch ist, wird in der Zeit der Entwicklung des Strafgesetzes neu definiert.

Die Gesellschaft straft also durch Exklusion (Ausschluss) aus ihrer „Gemeinschaft“. Da Freiheit als Teilhabe am Produktionsprozess verstanden wird, ist der Entzug dieser Freiheit das geeignete Mittel des Strafens. Knäste sollen erziehen, das heißt normieren, also die Menschen für die Anforderungen kapitalistischer Produktion gefügig machen.

heute: welche Theorien rechtfertigen Knast?

Obwohl Theorien oder Erklärungsansätze für die Notwendigkeit von Gefängnissen selten öffentlich diskutiert werden, sind sie den meisten Menschen durchaus präsent und vertraut. Auch hier ist der zu Grunde gelegte Konsens zu erkennen, der das Thema Knast umgibt: über Einzelheiten des Strafvollzuges zu sprechen mag möglich erscheinen, das Prinzip an sich in Frage zu stellen ist alles andere als selbstverständlich.
Im Folgenden beziehen wir die gängigen unter anderem in den Sozialwissenschaften gebrauchten Begriffe ein. Es ist nicht so, dass wir nicht auch sie für kritikwürdig hielten, sie erleichtern jedoch ein Sprechen über die sie enthaltenden Vorstellungen.
Grundsätzlich unterschieden werden absolute und relative Straftheorien. Absolute Straftheorien haben keinen Anspruch auf über sie hinausgehende Wirkungen, sondern sind eher Mittel zum Zweck. Es wird davon ausgegangen, dass begangenes Unrecht auf jeden Fall zu büßen sei, also unbedingt eine Vergeltung folgen müsse. Schuld müsse immer gesühnt werden.
Relative Straftheorien hingegen zielen auf eine gesellschaftliche und individuelle Wirkung des Strafens ab. Strafe soll zukünftig strafbares Handeln verhindern. Sie werden meist in Generalprävention und Spezialprävention unterteilt.
Die positive Generalprävention soll eine allgemeine Stärkung des Rechtsbewusstseins, eine „Einübung“ in Rechtstreue bewirken. Durch das allgegenwärtige Bewusstsein nicht nur über Strafsanktionen, sondern auch über positive Werte und Moral gäbe es also eine integrative Wirkung. Menschen handelten also gar nicht erst „kriminell“, da sie die Spielregeln der Gesellschaft verinnerlicht hätten. Die Rechtstreue wird zu einem kollektiven Gut, das sich pflegen lässt und über dessen vermeintliche Einhaltung mensch sich gegenseitig bestätigen kann.
Die negative Generalprävention geht von einer eher abschreckenden Wirkung aus. Es gäbe eine Form der Prävention durch psychologischen Zwang. Dieser Zwang richtet sich an potentielle Staftäter_innen. Wer sich also einer ihm / ihr drohenden Strafe bewusst sei, handele erst gar nicht „kriminell“.
Die positive Spezialprävention verspricht eine bessernde und resozialisierende Wirkung von Strafe. Das Ideal der Resozialisierung war vor allem in den 1970ern bedeutend und ist verbunden mit der Pathologisierung9 der Gefangenen. Wer einmal auf die „Schiefe Bahn“ geraten sei, erhalte unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, das eigene Verhalten zu reflektieren und sich zu „bessern“. Als geglückt empfundene Resozialisierung ist ausschlaggebend für eine Haftverkürzung oder eben – wie vor allem mit der „Sicherungsverwahrung“ diskutiert und praktiziert – für eine Verlängerung der Haftzeit. Auch hier wird deutlich, dass es darum geht gemäß einer vorgestellten Norm den / die Einzelne_n zu erziehen.
Die negative Spezialprävention schließlich geht von einer individuellen Abschreckung und einer „Unschädlichmachung“ des / der Kriminelle_n aus. Hier wird meist mit dem Schutz der Gesellschaft vor „kriminellen“ Subjekten argumentiert. Das Einsperren der als kriminell Empfundenen sorge für Sicherheit. Vor allem aber sorgt die vermeintliche Gefahr vor noch nicht „Geschnappten“ für Angst, die wiederum den Schrei nach mehr Haftstrafen lauter werden lässt.

wir und die anderen. einsprüche.

Bei den hier beschriebenen Erklärungen der gesellschaftlichen Notwendigkeit von Knästen ist von zentraler Bedeutung, wie sich die „Anderen“, also die „Kriminellen“ vorgestellt werden – genauer: wie sie konstruiert werden. Kriminell sind grundsätzlich die anderen, mensch selbst wähnt sich auf der richtigen Seite und solange dies gelingt, lässt sich auf die „Kriminellen“ mit dem Finger zeigen als diejenigen, die das Schlechte, Böse verkörpern und somit dafür verantwortlich gemacht werden. Stets auf der richtigen Seite zu stehen wird zu einer bedeutenden Aufgabe aller Bürger_innen. Dass es jedoch ziemlich kompliziert ist, in seinem Leben nicht „kriminell“ zu werden und keine Gesetze zu überschreiten, wird hier vernachlässigt. Schwarzfahren, bei rot über die Ampel gehen, Filesharing & Raubkopien, Steuern hinterziehen, besoffene Schlägereien: All das gehört zum Alltag vieler Menschen und wird trotzdem nicht oder selten als „kriminell“ eingeordnet. Zudem findet eine Diskussion der Ursachen von gesellschaftlichen Konflikten kaum statt. Vielmehr werden bestimmte als „kriminell“ gebrandmarkte Handlungen aus dem Kontext gerissen, entpolitisiert und individualisiert.
Schuld sind die sich falsch Verhaltenden, die Frage nach den ihrem Verhalten zugrunde liegenden Strukturen bleibt aus. Somit wird nicht nur der Blick auf die „Anderen“ gelenkt, sondern gleichzeitig die Diskussion um Macht- und Gewaltverhältnisse bewusst vermieden. Auch wir denken, dass handelnde Subjekte für ihr Verhalten verantwortlich sind (ansonsten betrachteten wir ja beispielsweise auch Nazis einfach als „Opfer der Verhältnisse“). Das Ausblenden des Verhaltens der restlichen Menschen, die an gesellschaftlichen Prozessen teil haben und diese mit gestalten jedoch ist fatal. Das Subjekt ist kein passives Objekt von Zwangszurichtung, sondern der Zwang bringt Individuen dazu, sich selbst als Subjekt zu konstituieren. Die Produzierung des „Zwangs“ verläuft subtil und horizontal, ist also nicht von gedachten „Machteliten“ o.ä. inszeniert oder denen „da unten“ übergestülpt. Eine sich als radikal verstehende Kritik kommt an der Frage nach den Ursachen von „Kriminalität“ nicht vorbei und muss sich zudem die Frage stellen, was denn eigentlich als „kriminell“ gilt und was nicht.
Auch die Frage, wer eigentlich im Knast sitzt, gibt Aufschluss über die gesellschaftlichen Verhältnisse bzw. die Vorstellung darüber, wer als kriminell angesehen wird. So haben über 90 Prozent der Delikte, die heute zu Haftstrafen führen direkt oder indirekt mit Eigentumsverhältnissen zu tun. Die größte Gruppe der Gefangenen sind User_innen illegalisierter Drogen.10
Die Äußerung, es müsse nach alternativen Umgangsweisen mit Gewalt gesucht werden, setzt voraus, wir lebten in einer bis auf Einzelfälle gewaltfreien Gesellschaft. (Strukturelle) Gewaltformen, die jedoch integraler Bestandteil eben dieser Gesellschaft sind, werden hier ausgeklammert. Abschottung vor Flüchtlingen, Gewalt in der Familie, Polizeigewalt, Knast, Arbeitszwang sind nur einige Formen von gesellschatlich legitimierter Gewalt, teils in Gesetze gegossen, teils akzeptiert oder hingenommen. Von Gewaltfreiheit auf einer individualisierten Ebene zu sprechen ist unzureichend. Wer von „Alternativen“ zur Gewalt spricht, muss von Alternativen zu dieser Gesellschaft sprechen.
Die Frage danach, ob Knast ein angemessenes Mittel zur Lösung gesellschaftlicher Konflikte sei, stellt sich in der Form für uns nicht. Vielmehr gehen wir davon aus, dass Knast Teil der Verhältnisse ist, die es zu überwinden gilt. Antworten auf Konflikte zu finden ist durchaus Aufgabe einer emanzipatorischen Bewegung, nicht jedoch derer, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung der Verhältnisse haben. Ziel kann es nicht sein, die Gefängnismauern einzureissen, umstehende Gebäude und die Straße jedoch als solche zu erhalten. Es geht darum, für eine Gesellschaft einzustehen, die sich die Frage nach der Institution Knast nicht stellen wird. Es ist eher müßig, Einzelheiten eines verwirklichten utopischen Prozesses zu diskutieren, auch da wir viele der bestehenden Formen des Infragestellens der Integrität von Menschen als dieser Gesellschaft immanent betrachten. Eine ernst zu nehmende knastkritische Bewegung wird sich dieser Aufgabe jedoch stellen müssen. Da Knast hier und jetzt keine Lösung ist, sehen wir einem oft geäußerten Zwang zu Alternativen im hier und jetzt auch eher gelassen entgegen.

aktuelle Entwicklungen.

Der massive Neubau von Knästen zeigt, dass der Strafvollzug auch mit der Verfeinerung der sozialen Techniken zur Disziplin und Kontrolle keinesfalls weniger relevant geworden ist. Die Erklärungsansätze hierfür sind heterogen, die repressive Tendenz ist jedoch kaum zu leugnen. In den 1960er/70er Jahren war die Tendenz, Rehabilitation von Strafgefangenen, das Suchen nach Wegen der Zurück-/Wiedereingliederung in den Vordergrund der Diskussion um Strafvollzug zu stellen zentral. Dies spiegelte sich unter anderem im Strafvollzugsgesetz von 1976 wider. Auch alternative Vollzugsformen wie der offene Vollzug wurden vermehrt diskutiert (letztes nicht zuletzt aus einer einfachen Kostenrechnung). Ohnehin ist es wichtig, das Problem nicht allein darin zu sehen, dass im Vollzugssystem etwas „falsch laufe“. Gerade der „normale“ Strafvollzug ist zerstörerisch und entwürdigend und somit abzulehnen. Es kann also auch nicht um eine Kritik der „Ineffizienz“ des Knastes im Sinne der genannten Straftheorien gehen.
Die aktuelle repressive Tendenz wahr zu nehmen ist jedoch nicht unbedeutend. Die Umgestaltung der Knäste in private Unternehmen und die Aufwertung der Zwangsarbeit sind immense Veränderungen, die das Leben der Gefangenen massiv verändern.

Wir betrachten Knast als ein strategisches Feld politischer Auseinandersetzung. Gegen Knäste zu argumentieren, gegen sie einzutreten, ist in dieser Zeit eine ungeheure Provokation. Es ist an der Zeit, mit dieser Provokation zu beginnen!

Literaturtipps:

Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main 1976.
Krause, Thomas: Geschichte des Strafvollzugs. Von den Kerkern des Altertums bis zur Gegenwart, Darmstadt 1999.
Mathiesen, Thomas: Gefängnislogik. Über alte und neue Rechtfertigungsversuche, Bielefeld 1989.
Rusche, Georg / Kirchheimer, Otto: Sozialstruktur und Strafvollzug, Frankfurt 1974.
(tbc.)

  1. vorherrschendes Denkmuster, das einen allgemein anerkannten Konsens widerspiegelt [zurück]
  2. Folter, Qual, Peinigung, siehe auch „peinliche Strafen“ [zurück]
  3. festgelegt wurde das peinliche Strafsystem z.B. durch die peinliche Habgerichtsordnung Kaiser Karls V. von 1532, das Strafrecht und Strafprozeßrecht in Deutschland erstmals auf eine reichseinheitliche Grundlage stellte. Freiheitsstrafen kommen in dieser nur als „ewiges Gefängnis“, was der Todesstrafe gleichgestellt wird, und als Ersatzfreiheitsstrafe für die bei kleinem Diebstahl an sich verwirkte Geldbuße vor. Inwieweit die öffentliche Zwangsarbeitsstrafe zu dem System der Freiheitsstrafen gezählt werden kann, ist umstritten. [zurück]
  4. siehe hierzu: Mathiesen, Thomas: Gefängnislogik. Über alte und neue Rechtfertigungsversuche, Bielefeld 1989, S. 9 ff. [zurück]
  5. In ihrer Studie zur Geschichte der Strafe von 1200 bis 1900 entwickeln Georg Rusche und Otto Kirchheimer die umstrittene These, der Arbeitsmarkt reguliere die jeweilige Art des Strafvollzuges. In Zeiten des Arbeitskräfteüberschusses würden die Strafen strenger, weil keine Arbeitskraft für produktive Tätigkeiten benötigt werde und weil die strengen Strafen einen wichtigen Abschreckungsmechanismus darstellten, um die Gruppen Arbeitsloser ruhig zu stellen. In Zeiten des Arbeitskräftedefizits dagegen würden die Strafen milder. Im Gegensatz zum 15. und 16. Jahrhundert sei das 17. Jahrhundert von einem Arbeitskräftedefizit gekennzeichnet. G. Rusche, O. Kirchheimer: Sozialstruktur und Strafvollzug, Frankfurt/Köln 1974. [zurück]
  6. „peinliche Strafen“ sind mittelalterliche Formen des Strafens. Körper- und Todesstrafen, die meist in der Öffentlichkeit (oft auf Marktplätzen) in bewusst gewählter Anwesenheit eines Publikums exekutiert wurden. Zu ihnen gehört beispielsweise das Abschneiden der Nase, das zudem eine deutliche und bleibende Brandmarkung des Opfers bedeutet. Die peinliche Strafe ist auch als ein politisches Ritual zu verstehen. Sie gehört auf ihre Weise zu den Zeremonien, in denen sich die Macht manifestiert. Sie ist eine differenzierte Produktion von Schmerzen, ein um die Brandmarkung der Opfer und die Kundgebung der strafenden Macht herum organisiertes Ritual. [zurück]
  7. souveräne Macht ist in diesem Fall der König oder Fürst [zurück]
  8. siehe dazu Foucault in „Überwachen und Strafen“ [zurück]
  9. die Deutung von Verhaltensweisen, Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken, sozialen Verhältnissen oder zwischenmenschlichen Beziehungen als krankhaft. [zurück]
  10. siehr hierzu: https://www-ec.destatis.de/csp/shop/sfg/sfgsuchergebnis.csp?action=newsearch&op_EVASNr=startswith&search_EVASNr=243 [zurück]